Die Wilden Fräulein vom Engelstein

Außer Rand und Band

Der Wilde Westen des Chiemgaus liegt im Süden: Immer ein wenig rauer und weniger obrigkeitshörig als anderswo ging es bis in das vergangene Jahrhundert in den Dörfern an und in den Alpen zu. Die Wilddiebe etwa waren bei weitem nicht nur arme Schlucker, die zu Hause etliche hungrige Mäuler zu stopfen hatten. Viele sahen die Wilderei ganz im Gegenteil als Kavaliersdelikt und die Möglichkeit, dem Jagdherrn endlich einmal so richtig eins auszuwischen. Eine Schmuggler-Hochburg war das Grenzland zu Tirol ohnehin und weithin bekannt sind die Berichte über deftige Raufereien in den Wirtschaften. Doch das ist längst Geschichte – was einige Nord-Chiemgauer nicht davon abhält, den Gebirglern mit einem Augenzwinkern auch heute noch ein gewisses Maß an Eigenwilligkeit im Umgang mit Autoritäten zuzusprechen.

Bestätigt wurde dieses Vorurteil sicherlich, als ein ziemlich ausgefuchster „Bazi“ aus der genannten Region erst in jüngster Vergangenheit seinen Heimatort weltbekannt machte: Ein Bergener hat jahrelang die High Society der USA an der Nase herumgeführt und sich erfolgreich als Spross des Rockefeller-Clans ausgegeben. So weit, so gut, „a vareckter Hund“ eben, wie man hier sagen würde – wäre er nicht auch wegen Mordes angeklagt.

Apropos Bergen: Bemerkenswert ist, dass der Ort schon in vorgeschichtlicher Zeit mit schillernden Gestalten aufwarten konnte, die es mit Recht und Gesetz nicht so genau nahmen. Zur Ehrenrettung der Gemeinde sei jedoch gesagt, dass diese Damen „Zuagroaste“ waren: Willibirga, Hatzinga und Angela, besser bekannt als die Wilden Fräulein vom Engelstein, waren der Sage nach nämlich aus Wildenwart bei Frasdorf zu dem Felsen zwischen Hochfelln und Hochgern gekommen.

Auf dem Engelstein bei Bergen
Im vergangenen Jahrhundert hat man den Engelstein sogar noch barfuß bestiegen. Das Bild zeigt den Vater meines Mannes, Wilhelm Heinrich.

Dort, gar nicht weit vom Weiler Pattenberg, sollen die Edelfrauen in einer Höhle gehaust haben, dem „Hölloch“, wie es der Sagensammler Friedrich Panzer im Jahre 1848 in seinem Werk „Bayerische Sagen und Bräuche“ bedeutungsschwer genannt hat. Wie es Sagen aber so an sich haben, gibt es von dieser Geschichte die unterschiedlichsten Varianten.

Hier das Wesentliche: Die Schwestern hatten ein skurriles Hobby. Von einer Felsenspitze zur anderen sollen sie ein Seil gespannt haben, auf dem sie spielten, tanzten und sangen. Heute würde man die drei als Sicherheitsfreaks beschreiben – sie bewahrten ihre Schätze nämlich in einer eisernen Kiste auf, bewacht von einer zischenden Schlange, die den Schlüssel im Maul hatte. Doch das schien den Damen als Abschreckungsmaßnahme noch nicht genug, denn vor der Höhle soll außerdem ein großer schwarzer Hund mit feurigen Augen gesessen haben. Zum grusligen Tierpark der Frauen gehörten auch ein schwarzes Pferd mit weißer Blesse, das nachts auf den Wiesen des Pattenbergs weidete, sowie ein Hahn, den die Bauern bei der Heuernte krähen hörten.

Eines der Fräulein war in der Heilkunst bewandert. Eine andere soll sich unsterblich in den Götschl-Bauern vom Pattenberg verliebt haben. Der Hof besteht übrigens bis heute und ist nachweislich der älteste des Weilers. Der Bauer war jedoch verheiratet und hat ihrem Werben nicht nachgegeben. Sie gab auf – aber nur zum Schein – und schenkte dem Mann einen kostbaren Gürtel für seine Frau. Der Bauer aber traute der Sache nicht und band den Gürtel um einen Baum, den es sofort zerriss. Das Wilde Fräulein soll daraufhin zu Stein erstarrt sein und ist heute als Schlafende Jungfrau vom Hochfelln zu sehen.

Ob Hatzinga, Angela oder Willibirga die Schandtat auf dem Gewissen hat, darüber kann man sich aufgrund der vielen Versionen dieser Sage streiten. Sicher ist aber, dass das Thema die Bergener bis heute nicht loslässt: Wohl jeder verspürte als Kind ein Gruseln in den Höhlen des Engelsteins, denn die Fräulein sollen dort bis heute als Geister umgehen.

Wer die Damen also treffen möchte, kann vom Pattenberg in rund 30 Minuten zum Engelstein wandern und mit gewisser Klettererfahrung sogar auf den Felsen (Gipfel: 972 Meter) steigen. Dass die Bergener auf ihre Wilden Fräulein ziemlich stolz sind, ist alle zehn Jahre bei der traditionellen Faschingshochzeit des Ortes zu sehen – dort sind die drei Schwestern als Festgäste nicht wegzudenken. Sogar ein Theaterstück hat der Theaterverein des Ortes den Ungeheuerlichen gewidmet. Böse Zungen könnten diese Verehrung als weiteren Beweis für den eigenwilligen Charakter der Süd-Chiemgauer sehen, aber dies ist ein anderes Thema. 

Diesen Beitrag hat unsere Tochter Eveline für das Buch „Geheimnis Chiemgau“ verfasst, das im A. Miller Zeitungsverlag Traunstein erschienen ist.

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