Vom Blasbalgdeifi und Hammerkuss: die Glockenschmiede in Ruhpolding

Schwanzhämmer

Der Alltag eines Wandergesellen in der Glockenschmiede Ruhpolding

Ruhpolding, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Schmiedegeselle Georg aus Laufen hat einen weiten Weg hinter sich. Sein Ziel ist die Glockenschmiede weit hinten im Brander Tal. Schon lange ist er marschiert, immer an der Urschlauer Ache entlang. Doch langsam zweifelt er, ob er sein Ziel finden wird. Niemand ist mehr unterwegs, den er fragen könnte. Da – endlich hört er ein Pferdefuhrwerk. Der Kutscher winkt ihm zu und lässt ihn aufsteigen. Es ist der Rossknecht der Schmiede. Er hat Kisten voller Werkzeug zur Dampfeisenbahn nach Traunstein gebracht. Ein Händler aus Nürnberg hatte sie bestellt.

Kritisch mustert der Meister Max Grübl am nächsten Tag das „Büchl“ des Wandergesellen. Georg ist froh, dass seine früheren Dienstherren nur Gutes über ihn zu berichten hatten. Jetzt muss er noch den Hammerkuss bestehen, eine Probe, die viel Kraft und gleichzeitig Feingefühl erfordert: Georg nimmt den schweren Hammer mit seinem rechten ausgestreckten Arm und versucht, ihn von ganz oben möglichst leise auf einen Amboss niederfallen zu lassen. Geschafft!

Der Meister erklärt ihm, dass die Schmiede ihren Namen den Kuhglocken verdankt, die hier seit alters her angefertigt werden. Stolz erzählt er, dass sein Betrieb im Jahr 1646 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Georg werde aber mehr bei der Produktion von Strohmessern und Werkzeugen gebraucht, auf die sich Grübl inzwischen spezialisiert hat. Schlafen soll Georg mit den anderen Gesellen im Lager über der Schleiferei. Die Arbeit ist hart – zwölf lange Stunden steht er täglich an der Esse, dem Schmiedeherd, und den riesigen Schwanzhämmern, die durch Wasserkraft betrieben werden: Für das Hammerwerk wird das Wasser des Thoraubaches, der an der Schmiede vorbeifließt, aufgestaut und fließt dann von oben auf ein Wasserrad. Der Schmied steuert die Wasserzufuhr und somit die Zahl der Hammerschläge pro Minute mit einem Handschieber.

Es ist dunkel in dem großen Raum. Die Schläge der Hämmer sind so laut, dass sich Georg mit dem Meister und den fünf anderen Arbeitern durch Gesten verständigen muss. Er trägt eine schwere Lederschürze und Holzschuhe. Im Winter sind seine Füße trotz der Hitze der Öfen eiskalt, denn der Lehmboden muss ständig feucht gehalten werden, damit herabfallende Funken schnell darauf erlöschen. Aber Georg weiß, warum er die schwere Arbeit auf sich nimmt. Als Schmiedegeselle verdient er etwa zehn Mal so viel wie ein Knecht und wenn er noch einige Jahre durchhält, ohne krank zu werden, würde er bald das Geld für ein kleines Häuschen zusammen haben.

Wenn er an den großen Blasebalg unter dem Dach denkt, der Luft in die Esse bläst, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Man erzählt sich in der Glockenschmiede nämlich, dass der Leibhaftige darin sitzt und das Feuer zusätzlich anfacht. Hin und wieder muss das Gerät aus Holz und Leder repariert werden. Der Schuster braucht beim Flicken der Löcher aber die Hilfe von einem der Schmiedearbeiter, der in den engen Balg krabbeln und von dort aus die Nadel wieder nach draußen führen muss. Georg ist heilfroh, dass er nicht der Kleinste ist und es einen der Lehrlinge trifft. Kreidebleich verschwindet dieser in der winzigen Öffnung – ob er aber wirklich den „Blasbalgdeifi“ getroffen hat, erzählt er später nicht. Stolz verkündet er aber, sich im Inneren des Balges mit seinen Initialen verewigt zu haben.

So oder ähnlich könnte vor mehr als 100 Jahren der Alltag in der Glockenschmiede gewesen sein, die bis 1958 in Betrieb war. Heute ist sie ein eindrucksvolles Museum, und wenn an besonderen Tagen das Feuer in den Schmiedeöfen brennt, fühlt man sich in die Blütezeit dieses Betriebs zurückversetzt. Viel Interessantes über das Handwerk und die Geschichte der Schmiede im Lauf der Jahrhunderte wissen Tyrena und Martin Ullrich bei den Führungen zu berichten. Die Tochter des letzten Schmieds Fritz Grübl und ihr Mann haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Glockenschmiede als Zeugnis längst vergangener Zeiten zu pflegen und zu erhalten.

Glockenschmiede Ruhpolding, Eispickel
Die Eispickel für die deutsche Expedition auf den Nanga Parbat 1937 wurden in der Glockenschmiede Ruhpolding gefertigt.

Glockenschmiede Ruhpolding
Haßlberg 6
83324 Ruhpolding
Telefon 0 86 63/23 09
www.museum-glockenschmiede.de

Diesen Beitrag hat unsere Tochter Eveline für das Buch „Geheimnis Chiemgau“ verfasst, das im A. Miller Zeitungsverlag Traunstein erschienen ist. Alle Bilder dieses Beitrags sind von Karin Kasper. Herzlichen Dank!

Glockenschmiede Ruhpolding

 

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